Ich habe das Inter­net rum­ge­tra­gen“

Ein Inter­view mit dem Netz­künst­ler Aram Bar­tholl

Interview Aram Bartholl KOMMUNIKATION LOHNZICH
Inter­view Aram Bar­tholl KOMMUNIKATION LOHNZICH

Alle zehn Jah­re blickt die inter­na­tio­na­le Kunst­welt nach Müns­ter. Vor weni­gen Tagen ist dort die fünf­te Aus­ga­be der Skulptur.Projekte zu Ende gegan­gen. Ein Künst­ler, der gleich an drei Orten der Stadt im Fokus der Öffent­lich­keit stand, ist Aram Bar­tholl. KOMMUNIKATION LOHNZICH sprach mit dem Netz­künst­ler bereits 2013 in den Räu­men der DAM Gal­le­ry in Ber­lin.

Ein Inter­view ohne gespro­che­ne Wor­te, geführt mit Papier und Stift an einer Wand. Chat­ty­pisch und stak­ka­to­ar­tig.

Ein Aus­zug.

MW : Wie muss ich mir den Tages­ab­lauf eines Netz­künst­lers vor­stel­len ?

AB : Die Kin­der fah­ren inzwi­schen allei­ne zur Schu­le, sind 9 und 12 Jah­re alt. Das heißt, ich gehe anstatt Kunst zu machen erst mal ins Café. Und fan­ge dann so um 9 an. Oder 9:30. Viel­leicht auch um 10. Kommt drauf an. Dann hän­ge ich meis­tens den gan­zen Tag am Rech­ner, so wie du … E‑Mails. Plä­ne machen. Tex­te schrei­ben. Fotos ver­sen­den. Viel Admi­nis­tra­ti­on. Und irgend­wann auch Kunst.

MW : Wo ent­ste­hen Dei­ne Ide­en ?

AB : Meis­tens nicht am Tisch. Auf dem Fahr­rad kom­men gute Ide­en.Oder in Gesprä­chen und so … Drau­ßen eben. Kommt auch auf die Tages­form an natür­lich. Aber wenn man schon mal einen guten Post raus­ge­hau­en hat … dann geht’s meist gleich wei­ter mit neu­en Sachen. Alles recht nor­mal : nine to five. Ich bin kein Nacht-Expe­ri­men­tier-Typ ! Hab schließ­lich ein Fami­li­en­le­ben zuhau­se. Und sonst halt rela­tiv viel rei­sen.

MW : Darf man dich eigent­lich „Netz­künst­ler“ nen­nen oder schränkt dich das ein ?

AB : Naja. Das passt schon so ein biss­chen. Weil es natür­lich viel um das Netz geht. Im klas­si­schen Sinn bin ich das aber nicht. Da ich kei­ne Web­sei­ten mache und so. Außer­dem bin ich auch nach 18:00 unter Strom. Lese E‑Mails bin auf Twit­ter und so … Meis­tens lässt sich das doch nicht so rich­tig tren­nen … wann der Tag beginnt und auf­hört.

Interview Aram Bartholl KOMMUNIKATION LOHNZICH
Inter­view Aram Bar­tholl KOMMUNIKATION LOHNZICH

MW : Wür­de dir etwas feh­len, wenn es Twit­ter mor­gen nicht mehr gäbe ? Oder käme dann was ande­res, um Out­put zu gene­rie­ren ?

AB : Es geht im Grun­de um Ver­netzt­heit. Mit Freun­den. Mit Künst­lern. Da wird’s ja immer irgend­was geben. Den gan­zen News­feed, den man sich so rein­tut am Tag. Dann kann aber auch mal Funk­stil­le sein. Für mich. Z. B., wenn wir auf’s Land fah­ren am Wochen­en­de. Da mache ich alles aus. 3 Tage am Stück.

MW : Gibt es noch ande­re Kanä­le, die du bevor­zugst ?

AB : Für mich ist alles inte­gral zusam­men. Ich höre viel Deutsch­land­funk. Lese auch mal Spie­gel online. Aber dann eben auch viel ande­re Nischen­sa­chen … poli­tisch und kul­tu­rell. Und noch vie­les mehr. Per­sön­li­ches. Aber viel online. Aber dann trifft man sich abends. Mit Freun­den. Und lernt wie­der neue ande­re Sachen. Eigent­lich wie immer schon.

MW : Noch mal zu dir. Du hast mal Archi­tek­tur stu­diert. War­um baut Herr Bar­tholl kei­ne Häu­ser ?

AB : Schon in mei­ner Aus­bil­dung spiel­ten Häu­ser ziem­lich schnell kei­ne Rol­le mehr. Nach dem Grund­stu­di­um war das dann ganz vor­bei. Wir haben viel ande­res gemacht. Com­pu­ter, Inter­net, Games, Video, Fil­me, 3‑D, Flash. Die Grund­fra­ge in mei­ner Kunst habe ich mir damals schon gestellt. Wie sich die Wel­ten über­schnei­den ? Wie sich alles mit­ein­an­der ver­knüpft ?

Interview Aram Bartholl KOMMUNIKATION LOHNZICH
Inter­view Aram Bar­tholl KOMMUNIKATION LOHNZICH

MW : Ist das auch die Grund­la­ge für Dei­ne Arbeit „Dead Drops“?

AB : Ja, klar. Wie so vie­le ande­re Sachen, die ich gemacht habe. Aber genau : „Dead Drops“ ist eine ziem­lich exak­te Ver­schmel­zung. Von Stadt und Archi­tek­tur­fra­gen mit Com­pu­ter, Digi­ta­lem und dem Inter­net. Die­ses Bild, dass der USB-Stick aus der Wand schaut – das macht am meis­ten aus bei dem Pro­jekt.

MW : Eine ande­re Arbeit von Dir trägt den Titel „Open Inter­net“. Was steckt dahin­ter ?

AB : Das war eine Per­for­mance. In New York. Ich bin mit die­sen LED-Schil­dern – bekannt aus den Inter­net-Cafés und Shops – durch die Stra­ßen gelau­fen. Und habe Inter­net über eine 3G-Ver­bin­dung ange­bo­ten. Gleich­zei­tig war das auch Art Pro­test. Für das offe­ne Inter­net. Net­po­li­tics.

The pie­ce is more intel­li­gent than the artist.“

MW : Haben die dein Ange­bot genutzt ? Haben Sie ver­stan­den, was du damit errei­chen woll­test ?

AB : Es gab haupt­säch­lich Gesprä­che. Auf der Stra­ße. Was natür­lich gut ist. Auch viel Ver­wun­de­rung. Mein „Open Inter­net“ wur­de aber auch viel genutzt. Auf Par­ties oder Ope­nings. Wo Leu­te dann wuss­ten, was los war. Also Freun­de und so. Es geht natür­lich auch um die­se Ges­te. Inter­net rum­zu­tra­gen !

MW : Das bedeu­tet, Reak­ti­on ist dir als Künst­ler wich­tig ? Muss die posi­tiv sein oder ist die Art der Reak­ti­on egal ?

AB : Naja … Reak­tio­nen sind ja meis­tens offen. Kön­nen also so oder so sein. Das macht ja auch Kunst aus. Dass das nicht so fest­ge­legt ist. Ich fin­de es immer schön, wenn die Leu­te anfan­gen zu raten. Und rumin­ter­pre­tie­ren. Und manch­mal weiß man ja auch sel­ber nicht genau, was man da alles ange­trig­gert hat. (the pie­ce is more intel­li­gent than the artist).

Interview Aram Bartholl KOMMUNIKATION LOHNZICH
Inter­view Aram Bar­tholl KOMMUNIKATION LOHNZICH

MW : Inter­ak­ti­on ist dir per­sön­lich aber schon wich­tig. Strebst du mit Dei­nen Wer­ken nach Aner­ken­nung ? Oder ist es wich­ti­ger, dass du es ein­fach gemacht hast ?

AB : Naja, klar. Als Künst­ler muss man schon auch ego­zen­trisch sein. Hehe. Das sind ja die meis­ten, beson­ders die „Gro­ßen“. Na sagen wir, es ist ein Teil. Auf jeden Fall. Mein Vater hat sein Leben lang Kunst gemacht. Und ist damit sehr wenig an die Öffent­lich­keit gegan­gen. Das geht auch. Im Käm­mer­lein. Aber klas­si­scher Wei­se wol­len die Sachen auch gese­hen wer­den. Und wenn es gutes Feed­back gibt, um so bes­ser !

MW : Was ist, wenn man von sei­ner Ego­zen­trik leben muss ? Wie ist das mit dem Mühl­rad aus Gale­ri­en, Käu­fern, Jägern und Samm­lern ?

AB : Tja, da steckt man halt drin­nen. Einer­seits das Bild des frei­en Künst­lers, der machen kann was er will. Und wenn ein Pro­jekt gut läuft viel Aner­ken­nung bekommt. Oder eine Aus­stel­lung rich­tig gut wird. Dann ist das toll. Das sind die rich­tig guten Momen­te. Wofür man sich jah­re­lang abmüht. Und gleich­zei­tig steckt man auch in der gro­ßen Müh­le und ist abhän­gig von den ver­schie­de­nen Sachen : Auf­trä­ge, Gale­ri­en, Ver­käu­fe etc. Part of the game.

MW : Hast du dich eigent­lich jemals mit den Anfän­gen der digi­ta­len Kunst beschäf­tigt ? Haben dich die Pio­nie­re die­ser Zeit beein­flusst ?

AB : Eher rück­wärts. Ich habe ein­fach ange­fan­gen, mei­ne Sachen zu machen. Und dann, nach und nach, habe ich mich mit den Pio­nie­ren usw. beschäf­tigt.

Interview Aram Bartholl KOMMUNIKATION LOHNZICH
Inter­view Aram Bar­tholl KOMMUNIKATION LOHNZICH

MW : Bist du aus einem bestimm­ten Grund bei Vera Mol­nar hän­gen geblie­ben ? Du hast sie in Dei­ner Arbeit mit den QR-Codes por­trä­tiert.

AB : Das war eine 3er Rei­he. Die 3 wich­tigs­ten digi­ta­len Künst­ler­rin­nen. Aus 3 Genera­tio­nen. Vera Mol­nar, Olia Liali­na und Petra Cor­t­right.

MW : Frau Mol­nar hat mit Anfang 80 einen Preis für ihr Lebens­werk erhal­ten. den DAM DIGITAL ART AWARD. Wie lan­ge müs­sen wir war­ten, bis Aram Bar­tholl die­sen Preis bekommt ?

AB : Haha. Sehr gut. Na 40 Jah­re !

MW : Ich dan­ke für die­sen Chat.

AB : Yo, kein Pro­blem. Ich mach mal Mit­tag jetzt.